Greifswald, die Stadt der *medizinischen Zwischenstationen* von Carl Ludwig Schleich. Nach dem etwas *abgesoffenen Studium* in Zürich machte Schleich hier sein Physikum. Nach seiner Zeit an der Charité in Berlin kehrte er nach einer zweimonatigen Assistentenzeit am Krankenhaus in Stettin an die Universitätsklinik Greifswald zurück.  Hier reichte er im Februar 1886 seine Doktorarbeit ein und wurde danach ein Jahr Assistent bei Helferich und ging 1889 nicht ganz friedlich wieder zurück nach Berlin, weil ihm eine Assistentenstelle bei Virchow in Aussicht gestellt wurde.

 

Sein Freund Richard Dehmel schreibt von dieser Zeit an seine spätere Frau Paula Oppenheimer:

Greifwald, Freitag, Ende Juli 87

........Schleich war mir heilsam. Wir haben fast die Nacht fortgeredet, und ich bin gesund dabei geworden. Es war mir schon wohltuend, seine gewaltige Freude aus Allem, wie er redete und blickte, herauszufühlen, als ich ihm von hinten die Hand auf die Schulter legte unerwartet. Er hat‘s mir jetzt gesagt, damals in Berlin kam er mit derselben Sehnsucht zu mir, oder nein! zu uns, mit der ich jetzt zu ihm gekommen bin: sich selber los zu werden. Er ist ganz gesund jetzt, geistig, seelisch, körperlich, — und ich brauchte so ein Bad in einem andern Menschen, der mich ganz fühlt, weil er das Alles auch ganz durchlebt hat, wenn auch nicht mit derselben Klarheit wie ich. An dieser Stelle fehlt mir mit Franz die Berührung........................

.......... Aber auch hier wieder bei Schleich ist es mir nur immer klarer geworden, daß der Kunst die Arbeit meines Lebens gehört. Er hat gelesen, was ich bis jetzt geschrieben, und auf sein Urteil gebe ich am meisten von Allen, die um mich sind, die ich kenne; er hat vielleicht das größte Verständnis, und sicher ist er am wenigsten beeinflusst durch persönliche Berührungspunkte. Er fand‘s großartig, wenn er auch meinte, eine Bühne würde nicht wagen, Derartiges aufzuführen, des Stoffes wegen! Aber dafür werde ich schon sorgen; jedenfalls sind meine Zweifel über den Wert, wenn ich überhaupt welche hatte, fortgeblasen..........

Greifswald, Sonntag früh, Ende Juli 87

.........Schleich ließ mich gestern durchaus noch nicht weg; es war ganz verrückt. Unser Dioskurengeistgestirn hat den ganzen grauen Greifswalder Himmel, alle versumpften Wolkenmassen hier verschoben. Denk Dir: der Mensch mit seiner ungestümen Naivität und bewunderungswürdigen Begeisterungsfähigkeit preßt mich, daß ich in seinem Bekanntenkreise Drama und Gedichte vorlese. Teils meinet- teils seinetwegen, wie er nachher sagte. Er wollte „schreien vor Vergnügen“, wie er die Gesichter von den Kerls beobachtete. Das konnte ich ja leider nicht beim Lesen. Er hat mir nachher geschildert, wie eine anfangs halbspöttische Neugierde aus ihren Zügen schwand, und dann hörte ich bald, wie diese Strohseelen ergriffen wurden von meinem Feuer, wie‘s aus ihnen herausprasselte: ah! oh! wunderbar, großartig. Ein Pole, der herzfähigste von der ganzen Gesellschaft, rief mir zu: Hören Sie auf, sonst heul‘ ich los. Heute Vormittag wird er mir polnische Volks- und Schlachtlieder zum Übersetzen bringen. — Es hat mir aber doch wohl noch Zutrauen zu mir eingeflößt, als ich so zum ersten Mal ganz Fremde durch meine Kraft gehoben sah..........

 

aus: Richard Dehmel: Ausgewählte Briefe. Aus den Jahren 1883-1902

S. Fischer / Verlag, Berlin 1922